Verschuldungsgrad
Der Verschuldungsgrad setzt das Fremdkapital ins Verhältnis zum Eigenkapital. Er sagt, wie viel Euro Fremdkapital auf jeden Euro Eigenkapital entfallen — und damit, wie stark ein Unternehmen von seinen Gläubigern abhängt.
Formel
Verschuldungsgrad = Fremdkapital ÷ Eigenkapital × 100
Verschuldungsgrad berechnen
Fremdkapital sind Verbindlichkeiten, Rückstellungen und der passive Rechnungsabgrenzungsposten. Eigenkapital ist Position A der Passivseite nach § 266 Abs. 3 HGB. Zusammen ergeben beide die Bilanzsumme.
Wer die Eigenkapitalquote schon kennt, muss nichts weiter nachschlagen. Die beiden Kennzahlen sind dieselbe Information in anderer Form:
Verschuldungsgrad = (100 − Eigenkapitalquote) ÷ Eigenkapitalquote × 100
Beispiel
Angenommen, eine Passivseite sieht so aus:
| Position | Betrag |
|---|---|
| Eigenkapital | 240.000 € |
| Rückstellungen | 90.000 € |
| Verbindlichkeiten | 470.000 € |
| Bilanzsumme | 800.000 € |
Im Beispiel beträgt das Fremdkapital 90.000 + 470.000 = 560.000 €. Der Verschuldungsgrad ist damit 560.000 ÷ 240.000 = 233 %. Auf einen Euro Eigenkapital kommen 2,33 € Fremdkapital.
Gibt es einen Richtwert?
Nein. Die viel zitierte Faustregel „2:1“ steht in keinem Gesetz und in keiner Rechnungslegungsnorm — sie ist eine Konvention ohne Beleg.
Die Deutsche Bundesbank weist den Verschuldungsgrad nicht aus. Sie weist die Eigenkapitalquote aus, und aus der folgt er unmittelbar. Alle Werte in diesem Abschnitt sind deshalb abgeleitet — sie stehen so in keiner Bundesbank-Tabelle.
Der Rechenweg, einmal ausgeschrieben: Über alle Wirtschaftszweige liegt die Eigenkapitalquote im Median laut Bundesbank bei 34,2 %. Eingesetzt in die Formel oben ergibt das (100 − 34,2) ÷ 34,2 × 100 = 192,4 %. Auf einen Euro Eigenkapital kommen also rund 1,92 € Fremdkapital. Jede Zahl in den beiden Tabellen unten entsteht genauso, gerundet auf eine Nachkommastelle.
Aussagekräftiger als der mittlere Wert ist die Streuung derselben Erhebung. Weil die Formel umkehrt, wird aus dem unteren Viertel der Eigenkapitalquote das obere Viertel der Verschuldung:
| Eigenkapitalquote (Bundesbank) | daraus abgeleiteter Verschuldungsgrad |
|---|---|
| unteres Viertel: 13,1 % | 663,4 % |
| Median: 34,2 % | 192,4 % |
| oberes Viertel: 58,4 % | 71,2 % |
Zwischen dem ersten und dem dritten Viertel liegt fast der Faktor zehn. Eine einzelne Zahl, die für die halbe Wirtschaft irgendwo dazwischen liegt, taugt nicht als Maßstab für einen einzelnen Betrieb.
Nach Wirtschaftszweigen ist der Abstand ähnlich groß — links die gemessene Eigenkapitalquote, rechts der daraus abgeleitete Verschuldungsgrad:
| Wirtschaftszweig | Eigenkapitalquote | Verschuldungsgrad (abgeleitet) |
|---|---|---|
| Hochbau | 16,8 % | 495,2 % |
| Baugewerbe | 22,9 % | 336,7 % |
| Gastgewerbe | 23,9 % | 318,4 % |
| Kfz-Handel und -Werkstätten | 25,1 % | 298,4 % |
| Einzelhandel | 30,8 % | 224,7 % |
| IT-Dienstleister | 36,7 % | 172,5 % |
| Großhandel | 38,5 % | 159,7 % |
| Gesundheitswesen | 48,1 % | 107,9 % |
| Alle Wirtschaftszweige | 34,2 % | 192,4 % |
Ein Hochbauunternehmen mit dreimal so viel Fremd- wie Eigenkapital liegt damit unter dem Median seiner Branche. Ein IT-Dienstleister mit demselben Wert liegt deutlich darüber. Dieselbe Zahl, zwei Lagen.
Nach Umsatzgröße gestaffelt, aus derselben Erhebung und auf demselben Weg abgeleitet:
Die Größe ordnet hier nichts: Die beiden mittleren Klassen liegen auseinander, die kleinste und die größte fast gleichauf. Wer sich einordnet, braucht deshalb die Branche — die Größenklasse allein trägt bei dieser Kennzahl nicht.
Die Eigenkapitalquoten aller Wirtschaftszweige stehen unter Branchenkennzahlen; wie weit eine Branche vom Wert über alle Wirtschaftszweige abliegen kann, zeigt das Blatt zum Hochbau.
Wer den eigenen Wert nicht selbst suchen will: Der Kennzahlen-Check nimmt eine eingetippte Kennzahl entgegen und stellt sie neben Median und Quartile der gewählten Branche und Größenklasse — ohne Konto und ohne Upload.
Statisch und dynamisch
Der statische Verschuldungsgrad oben beschreibt einen Stichtag. Der dynamische fragt stattdessen, wie lange die Tilgung dauern würde: Nettoverschuldung geteilt durch den Cashflow, ausgedrückt in Jahren.
Einen Branchenwert dafür gibt es hier nicht — er lässt sich aus der Eigenkapitalquote nicht ableiten, und die Fachreihe liefert die dafür nötige Nettoverschuldung nicht. Wer die Kennzahl braucht, rechnet sie aus dem eigenen Abschluss.
Das ist kein Nachteil, sondern die interessantere Sicht: Der statische Grad sagt, wie die Bilanz aussieht. Der dynamische sagt, ob die Schulden bedient werden können — und nur diese Frage entscheidet im Bankgespräch.
Wo steht das in Ihrer BWA?
Nicht in der kurzfristigen Erfolgsrechnung. Die zeigt Erträge und Aufwände, keine Bestände. Eigen- und Fremdkapital stehen in der Summen- und Saldenliste oder im Jahresabschluss; wie sich beides zusammensetzt, erklärt der Eintrag zur Bilanzsumme.
Die häufigste Fehldeutung
„Der Verschuldungsgrad ist hoch, also droht die Insolvenz.“ Das sind zwei verschiedene Dinge. Überschuldung nach § 19 InsO liegt erst vor, wenn das Vermögen die Verbindlichkeiten nicht mehr deckt.
Und selbst dann nicht, wenn die Fortführung des Unternehmens über die nächsten zwölf Monate überwiegend wahrscheinlich ist. Eine Quote allein löst diese Prüfung nicht aus.
Umgekehrt steigt der Verschuldungsgrad auch ohne einen einzigen neuen Kredit: durch eine Gewinnausschüttung, die das Eigenkapital senkt, oder durch aufgebaute Pensionsrückstellungen, die als Fremdkapital zählen. Wer nur die Quote sieht, hält beides für dasselbe.
Verwandte Begriffe
Die Gegenzahl erklärt die Eigenkapitalquote, die Tilgungsseite der Cashflow. Wie sich eine Verschlechterung früh zeigt, steht unter Krisenfrüherkennung.
Yupana rechnet den Verschuldungsgrad aus Ihrer Bilanz mit, zeigt die Positionen dahinter und stellt ihn neben den Branchenwert Ihrer Größenklasse.
Zur Abschluss-SichtZuletzt geprüft:
Verwandte Begriffe
- Eigenkapitalquote Die Eigenkapitalquote setzt das Eigenkapital ins Verhältnis zur Bilanzsumme. Sie zeigt, welcher Anteil des Vermögens dem Unternehmen selbst gehört und nicht seinen Gläubigern.
- Bilanzsumme Die Bilanzsumme ist die Summe aller Vermögenswerte eines Unternehmens und zugleich die Summe aller Mittel, mit denen dieses Vermögen finanziert ist. Aktivseite und Passivseite sind deshalb immer gleich groß.
- Cashflow Der Cashflow ist der Saldo aus Ein- und Auszahlungen eines Zeitraums. Anders als das Ergebnis der Erfolgsrechnung zeigt er, wie viel Geld tatsächlich geflossen ist.
