Working Capital
Das Working Capital ist die Differenz zwischen dem Umlaufvermögen und den kurzfristigen Verbindlichkeiten eines Unternehmens. Es zeigt, welcher Teil des kurzfristig gebundenen Vermögens nicht durch kurzfristige Schulden finanziert ist.
Formel
Working Capital = Umlaufvermögen − kurzfristige Verbindlichkeiten
Working Capital berechnen
Das HGB kennt den Begriff nicht, aber beide Größen der Formel stehen in jeder Bilanz. § 266 Abs. 2 HGB gliedert das Umlaufvermögen in Vorräte, Forderungen und sonstige Vermögensgegenstände, Wertpapiere sowie Kassenbestand und Bankguthaben.
Welche Schulden kurzfristig sind, lässt sich ebenfalls ablesen: Nach § 268 Abs. 5 HGB ist bei jedem gesondert ausgewiesenen Verbindlichkeitsposten der Betrag mit einer Restlaufzeit bis zu einem Jahr zu vermerken.
Daneben ist eine engere Variante gebräuchlich, das operative Working Capital: Vorräte plus Forderungen aus Lieferungen und Leistungen minus Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen. Sie lässt Kasse und Bankschulden außen vor.
Weil es zwei Rechenwege gibt, gehört zu jeder Zahl die Angabe, welcher gemeint ist.
Beispiel
Angenommen, ein Betrieb weist zum Stichtag diese Posten aus:
| Position | Betrag |
|---|---|
| Vorräte | 120.000 € |
| Forderungen aus Lieferungen und Leistungen | 95.000 € |
| Kassenbestand und Bankguthaben | 40.000 € |
| Umlaufvermögen | 255.000 € |
| Kurzfristige Verbindlichkeiten | − 180.000 € |
| Working Capital | 75.000 € |
Diese 75.000 € sind kein Guthaben. Sie stecken in Lagerware und in Rechnungen, die noch niemand bezahlt hat — es ist Geld, das der Betrieb seinen Kunden und seinem Lager vorstreckt.
Die drei Stellschrauben
Das Working Capital entsteht fast vollständig aus drei Positionen. Zwei binden Geld, eine gibt welches frei.
- Forderungen aus Lieferungen und Leistungen — geliefert, aber noch nicht bezahlt. Jeder Tag Zahlungsziel ist ein Tag Kredit an den Kunden.
- Vorräte — bezahltes Material und angearbeitete Leistungen, die noch nicht zu Umsatz geworden sind.
- Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen — bezogen, aber noch nicht gezahlt. Sie senken das Working Capital und wirken wie ein zinsloser Lieferantenkredit.
Für die erste und die dritte Position nennt die Deutsche Bundesbank ausdrücklich Vergleichsmaßstäbe: Forderungen aus Lieferungen und Leistungen in Prozent des Umsatzes als Benchmark für das Debitorenziel, Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen in Prozent des Materialaufwands für das Kreditorenziel.
Über alle Wirtschaftszweige hinweg lagen diese beiden Kennzahlen 2022 bei 6,2 % und 6,9 %.
Wie viel Vorräte normal sind, hängt dagegen vollständig am Geschäftsmodell. Gemessen an der Bilanzsumme lagen sie 2022 im Baugewerbe bei 56,1 %, im Handel bei 26,1 % und in Information und Kommunikation bei 3,4 %.
Der hohe Bauwert ist kein Lager im landläufigen Sinn: Zu den Vorräten zählen in dieser Statistik auch unfertige Erzeugnisse und unfertige Leistungen.
Working Capital optimieren
Jede der drei Positionen hat einen eigenen Hebel, und alle drei wirken auf denselben Kontostand:
- Früher fakturieren. Zwischen Leistung und Rechnung liegt in vielen Betrieben mehr Zeit als zwischen Rechnung und Zahlung.
- Fällige Forderungen verfolgen. Wie alt der Bestand ist, zeigt die OPOS-Liste — sie sagt allerdings nichts darüber, wann gezahlt wird.
- Lagerreichweite prüfen. Bestand, der länger liegt als die Wiederbeschaffung dauert, ist gebundenes Geld ohne Gegenleistung.
- Eigene Zahlungsziele ausschöpfen. Nur so weit, wie Skonto und Lieferantenbeziehung es hergeben — sonst wird der zinslose Kredit teuer.
Einen allgemeingültigen Zielwert für das Working Capital gibt es nicht. Er hängt an Branche, Geschäftsmodell und Saison, und die Streuung zwischen den Wirtschaftszweigen ist größer als jede Faustregel. Aussagekräftig ist deshalb nur der Vergleich mit den eigenen Vormonaten.
Wo steht das in deiner BWA?
In der Standard-BWA steht es nicht. Sie zeigt Erträge und Aufwendungen eines Zeitraums, nicht Bestände zu einem Stichtag.
Die drei Positionen kommen aus der Summen- und Saldenliste oder aus der Bilanz. Wer das Working Capital monatlich verfolgen will, braucht deshalb beide Auswertungen nebeneinander.
Die häufigste Fehldeutung
„Viel Working Capital ist Sicherheit.“ Es ist zuerst gebundenes Geld: Lagerware und offene Rechnungen sind vorfinanzierter Umsatz, kein Puffer. Wächst das Working Capital schneller als der Umsatz, finanziert der Betrieb sein eigenes Wachstum vor.
Wie dünn die Decke darunter sein kann, zeigt eine Gegenüberstellung aus der Bundesbank-Statistik für 2022. Liquide Mittel und kurzfristige Forderungen deckten die kurzfristigen Verbindlichkeiten nur zu 98,3 %.
Erst mit den Vorräten zusammen waren es 135,6 %. Das positive Working Capital der deutschen Unternehmen ruhte also auf genau dem Teil des Umlaufvermögens, der sich am langsamsten zu Geld machen lässt.
Verwandte Begriffe
Die Bezugsgrößen erklären Liquiditätsgrade und OPOS; wohin das Geld tatsächlich geflossen ist, zeigt der Cashflow. Für den laufenden Betrieb: Liquiditätsplanung.
Yupana zeigt Forderungen, Vorräte und offene Lieferantenrechnungen als Verlauf statt als drei Stichtagswerte.
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Verwandte Begriffe
- Liquiditätsgrade Die Liquiditätsgrade setzen unterschiedlich schnell verfügbare Vermögensteile ins Verhältnis zu den kurzfristigen Verbindlichkeiten. Sie beantworten, ob ein Unternehmen seine kurzfristigen Zahlungspflichten aus vorhandenen Mitteln bedienen könnte.
- OPOS OPOS steht für „offene Posten“ — Rechnungen, die gestellt, aber noch nicht bezahlt sind. Die OPOS-Liste zeigt den Bestand dieser Forderungen und Verbindlichkeiten zu einem Stichtag.
- Cashflow Der Cashflow ist der Saldo aus Ein- und Auszahlungen eines Zeitraums. Anders als das Ergebnis der Erfolgsrechnung zeigt er, wie viel Geld tatsächlich geflossen ist.
- Bilanzsumme Die Bilanzsumme ist die Summe aller Vermögenswerte eines Unternehmens und zugleich die Summe aller Mittel, mit denen dieses Vermögen finanziert ist. Aktivseite und Passivseite sind deshalb immer gleich groß.
